Deutsche Kultur ist weniger als Deutschlands Kultur

Wenn spontan gefragt wird, „was ist deutsche Kultur?“, dann antworten die einen „Bier trinken, Currywurst essen, Fußball gucken“. Andere sagen: „Kuckucks-Uhr aus dem Schwarzwald“ oder „Lederhose, Schuhplattler und Oktoberfest“. Der nächste nennt zuerst „Gartenzaun und Nachbarschaftsstreit“, „Handtuch auf der Liege, weiße Socken in Sandalen“ oder „Schützenfest und Bürokratie“. Sehr oft wird man hören: „Pünktlichkeit, Fleiß und Disziplin“. Andere denken an Literatur, Musik, Architektur und sagen: „Goethe, Schiller, Lessing, Johann Sebastian Bach, Beethoven, Kölner Dom, Dresdner Frauenkirche, Schloss Neuschwanstein“. Manche verbinden mit deutscher Kultur „das Land der Dichter und Denker“; andere denken eher an „das Land der Richter und Henker“. Für viele ist Kultur identisch mit Sprache, Bräuchen, Sitten und Regeln.

Kultur ist erst einmal alles, was Menschen gestaltend hervorbringen, jegliches Material, was durch Handwerk, Technik, Künste, aber auch durch Gesetzgebung, Philosophie, Religion, Ethik formend umgestaltet wird. Das ist schon ziemlich kompliziert.
Noch schwieriger wird es bei deutscher Kultur. Im heutigen Deutschland erleben wir, dass der Mecklenburger deutsche Kultur anders definiert und praktiziert als der Schwabe und beide wiederum anders als der Bayer oder Sachse. Kultur hat offensichtlich stets einen territorialen und landsmannschaftlichen Aspekt.
Darüber hinaus ist alle Kultur, auch die deutsche, einem steten Wandel unterworfen. Beim Heiligen Römischen Reich, es endete bekanntlich 1806, fällt mir zu deutscher Kultur zuerst ein, dass die Sorben zwar ältere Territorialrechte haben als die Deutschen, diese aber im Vielvölkerstaat bald den größten Bevölkerungsanteil stellten. Mit guten Gründen könnte man also von Frühformen des Multi-Kulti sprechen. Unbestritten ist zudem, dass sich Inhalte und Ausdrucksformen deutscher Kultur in den etwa 800 Jahren erheblich veränderten. Ein wichtiger Aspekt deutscher Kultur um die Wende vom 18. ins 19. Jahrhundert bestand darin, in den Bürgern der deutschen Lande Nationalstolz zu entwickeln, vor allem, um vereint gegen Napoleon zu kämpfen. Vieles, was wir heute noch als deutsche Kultur schätzen, entstand nach 1815 als Widerspruch zu Restauration und Reaktion. Das nur 47 Jahre existierende deutsche Kaiserreich hat vor allem durch die Dominanz Preußens zu deutscher Kultur – im Guten wie im Schlechten – beigetragen. Zur deutschen Kultur der Weimarer Republik, sie lebte auch nur 15 Jahre, zählen nicht nur die Goldenen Zwanziger, sondern auch der erste, letztlich missglückte Versuch der Deutschen, Demokratie zu lernen. Antisemitismus, Slawenfeindlichkeit, Völkermord, Arier- und Untermenschen-Ideologie sowie Krieg waren in den zwölf dunklen Jahren des Faschismus eher eine Kulturschande, ein Beitrag zur Zerstörung aller Kultur. Vieles davon war aber schon vorher angelegt. Die Völker Europas, auch das deutsche Volk, mussten dafür einen hohen Preis zahlen.
Über 45 Jahre entwickelten sich – bei allem unübersehbaren kulturellen Erbe – unterschiedliche Kulturen in der BRD und der DDR. Das seit gut 20 Jahren wieder vereinte Deutschland sucht noch nach seiner kulturellen Identität und den bewahrenswerten kulturellen Traditionen.
Nicht übersehen werden darf bei diesem groben Überblick zur deutschen Kultur, es gab in ihr immer auch Unterschiede zwischen der Kultur derer da oben und denen da unten. Der Feudalherr lebte in einer anderen Kultur als die Leibeigenen. Reichskanzler Bismarcks kulturelle Werte waren andere als die des Sozialistenführers Bebel. Die Schlosser, Schweißer und Landarbeiter Krause, Schmidt und Lehmann lebten mit ihren Frauen und Kindern eine andere Kultur als die Familien Siemens, Krupp und die ostelbischen Junker. Kultur hat offensichtlich stets einen sozialen und politischen Aspekt.

Ein besonders schönes, anregendes Beispiel dafür ist das Hambacher Fest zu Pfingsten 1832. Rund 30.000 Deutsche, Polen und Franzosen lehnten sich auf gegen hohe Steuern, Hunger, Armut, Arbeitslosigkeit und Metternichs Spitzelsystem. Sie forderten Meinungsfreiheit, Demokratie und Volkssouveränität, Gleichberechtigung zwischen den Nationen ebenso wie zwischen Mann und Frau.
Besonders abstoßend und hässlich zeigte sich der soziale und politische Aspekt aller Kultur in der Tätigkeit des Kampfbundes für deutsche Kultur in der Nazi-Zeit. 1928 vom späteren Nazi-Chefideologen Rosenberg gegründet, betrieb er einen antisemitisch und antislawisch ausgerichteten Wiederaufbau der deutschen Kultur. Was dem widersprach, wurde niedere Kultur, Entartung, Kulturverfall und Kulturbolschewismus genannt, die es zu beseitigen galt. Die Kultur der nordisch-arischen Völker – so wurde behauptet – besäße einen Führungsauftrag, vor allem gegenüber den slawischen Völkern Osteuropas. In der Zeitschrift des Kampfbundes wurden die Feinde deutscher Kultur beim Namen genannt, u. a.: Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Thomas Mann, Bertolt Brecht, George Grosz, Ernst Toller, Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Ernst Barlach, Käthe Kollwitz. Schlimmste Höhepunkte dieser höheren deutschen Kultur waren die organisierten Bücherverbrennungen im Mai 1933 und die darauf folgende planmäßige Menschenvernichtung in den Konzentrationslagern.

Skala sah so etwas als „eine Begleiterscheinung des Kapitalismus“, die im Kern „doch nichts anderes ist als der Wille, eine andere Kulturgattung neben sich nicht zu dulden, sondern die eigene deutsche mit allen Mitteln durchzusetzen.“
Nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg entwickelte sich langsam die Haltung, Deutschland werde in die Weltgemeinschaft nur zurückkehren können, wenn es jeden Anschein vermeidet, dass deutsche Kultur dazu diene, andere auszugrenzen oder auf sie herabzusehen. Wer dennoch in jüngster Zeit diesen Eindruck neu beleben will, verwendet dazu meist den (allerdings falsch verstandenen) Begriff der Leitkultur. Die damit begründete Fremden- und Minderheitenfeindlichkeit wird erfreulicherweise von großen Teilen der Öffentlichkeit abgelehnt und deutsche Leitkultur als Steilvorlage für die neue Rechte bewertet.

Dennoch ist im Programm der CDU (Grundsätze Nr. 37, 57) von einer „Leitkultur in Deutschland“ die Rede. Das Grundsatzprogramm der CSU enthält ein Bekenntnis zur „deutschen Kulturnation“ und zur „deutschen Leitkultur“. Andere Politiker in Deutschland, auch das Ministerkomitee des Europarates, sind angesichts dessen mitunter besorgt, hier entstehe ein neues nationalistisches Kulturverständnis. Sie fordern deshalb u. a., Ökonomie nicht über Kultur zu stellen. Konkret hieß das z. B., nicht den gleichen Klassenteiler für sorbische wie für deutschsprachige Schulen anzulegen. Diese Politiker treten – wie alle Demokraten – dafür ein, dass die Kultur autochthoner Minderheiten lebendiger Teil der Kultur Deutschlands war, ist und bleibt. Zu ihr gehören alle kulturellen Ausdrucksformen, die sich auf die Achtung der Würde jedes Menschen, auf Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Toleranz richten.

Die Sorben/Wenden in der Ober- und Niederlausitz belegen z. B. mit ihrer Zweisprachigkeit, dass sie die Sprache der Mehrheitsbevölkerung achten bzw. respektieren. Sie kennen auch die deutsche Fahne und Hymne. Wie viel Anhänger deutscher Leitkultur aber wissen, dass die Sorben/Wenden nicht nur zwei eigene Sprachen haben, sondern auch eine offiziell anerkannte Fahne und Hymne? „Naša chorhoj módra, čerwjena, bĕła“ („Unsere Fahne ist blau, rot, weiß“) dichteten und komponierten 1947 Jurij Brĕzan und Jurij Winar. Den Text der Hymne Rjana Łužica (niedersorbisch Rědna Łužyca) verfasste 1827 der damals 23jährige sorbische Theologiestudent Handrij Zejler. Korla Awgust Kocor komponierte 1845 eine Melodie und brachte das Lied auf dem 1. Sorbischen Sängerfest am 17.10.1845 in Bautzen zur Uraufführung. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es offizielle sorbische Hymne. Sie besingt die schöne Lausitz, das freundliche Land sorbischer Väter, das Paradies glücklicher Träume, dessen Flure heilig sind. Erhofft werden eine glückliche Zukunft und Persönlichkeiten, die des ewigen Gedenkens würdig sind!

Deutschlands Kultur ist also – mindestens – die Kultur deutschsprachiger und anderssprachiger deutscher Staatsbürger. Bestimmungen zu Schutz und Förderung der Kultur in Deutschland sollten deshalb ausdrücklich die nationalen Minderheiten beinhalten. Angesichts aktueller Ausbreitung rechtsextremer Auffassungen ist das m. E. zwingend notwendig. Zu schützen und zu fördern gilt z. B. sorbische Volkskunst in Lied, Tanz, Poesie und Bildender Kunst. Sie leistet einen beständigen Beitrag zur Identität der Sorben. Geschützt und gefördert werden muss das Serbski ludowy ansambl (Sorbisches National-Ensemble). Es pflegt mit Ballett, Chor und Orchester kulturelle Traditionen der Sorben und macht sie auf allen Kontinenten bekannt. Schutz und Förderung braucht das Nemsko-Serbske ludowe dźiwadło (Deutsch-Sorbisches Volkstheater), weil es das einzige professionelle Theater ist, in dem Schauspiel und Puppenspiel auch in sorbischer Sprache inszeniert werden.

Neben den Ländern Brandenburg und Sachsen ist vor allem der Bund in hohem Maße gefordert. Nicht die Regierungen der 16 Bundesländer, sondern die Bundesregierung hat 1998 die Europarats-Charta der autochthonen nationalen Minderheiten unterzeichnet. Sie weiß, Deutschlands Kultur ist mehr als deutsche Kultur. Handelt sie stets auch so?

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