Die Ehrlichkeit des Neuanfangs oder: Abschied von einem vorgetäuschten Etikett

 „Ich bin nicht der, der ich mal war,“ singt Kris Pohlmann. Dazu spielt eine akustische Gitarre deutliche Blueslinien. Doch nur kurz dauert diese Besinnung. Dann wird das Riff verzerrt elektrisiert und die Band haut rein in einen Rocksong, der ohne Gnade nach vorne stürmt. 

Über Kris Pohlmann, andere Bluesrocker und die Zukunft des Blues aus der Sicht eines professionellen Nörglers.

Mit „Used To Be“ beginnt „Taylor Road“, das dritte Album des in Düsseldorf lebenden und im Vereinigten Königreich aufgewachsenen Gitarristen Kris Pohlmann. Zwei Alben und paar Jahre mit seiner Kris Pohlmann Band hatten ihn nicht nur in Deutschland zu einem anerkannten Namen in der Bluesrockgemeinde gemacht. Doch jetzt sollte mit neuer Band ein Neuanfang erfolgen. Wer bin ich ich eigentlich? Bin ich der, der ich für viele in den letzten Jahren war? Bin ich wirklich ein Bluesman?

Wenn man sich die Alben auf „Taylor Road“ anhört, dann kann man eigentlich nur zu der Antwort kommen: Nein. Ich hab Euch vielleicht was vorgespielt in den letzten Jahren. Eigentlich bin ich einfach ein Rockmusiker, einer der die Sounds der 70er zwischen Status Quo und ZZ Top, Queen und Southern Rock liebt, dem aber der altväterliche Blues nicht wirklich was bedeutet. Fast ohne Pause rockt Pohlmann mit seiner jungen Band dahin, lässt seine Gitarre jubilieren und die Refrains mit Chören abheben: Ein Rockalbum, dass jeden Classic Rock Fan begeistern dürfte.

Angefangen hatte die Plattenkarriere Pohlmanns fünf Jahre früher mit „New Resolution“ und anderer Band: Auch hier war schon beim Opener „Feel The Same“ die Verehrung für den Boogierock von Status Quo unüberhörbar. Und auch poppige Nummern für das Formatradio gab es schon. Doch letztlich machten es Nummern wie „Falling Down“ deutlich, dass hier jemand mit Schmackes in die Bluesrockszene drängte. Und mit Stücken wie „Got To Be The Blues“, das leise und akustisch mit Slide auf der National Steel beginnt, werden die Wurzeln deutlich herausgestellt, bevor dann wieder das Rockriff-Gewitter loslegt. Bei Pohlmanns Soloeinlagen hört man die Liebe zu Gary Moore und auch zu Peter Green (zu seinen Solozeiten). Bei Stücken wie „Just Can’t Make It On My Own“ ist das überdeutlich und absolut großartig zu hören. Hier ist Pohlmann wirklich ganz nahe dran am Blues. Zumindest am ernsthaften Bluesrock.
Bin ich ein Bluesman? Kris Pohlmann ist für sich zu einer Antwort gekommen auf „Taylor Road“. Und die kann man ohne Probleme aktzeptieren. Er ist keiner. Er ist ein Rockgitarrist, einer, der die 70er Jahre liebt, dessen Songs wild davonstürmen und dem ein brillantes Solo wichtiger ist als ein stimmiger Songaufbau. Das ist aller Ehren wert. Aber er ist kein Bluesman.

In der Rockszene war es in den letzten Jahren – und ist es teilweise immer noch so – Mode, einfach alles als Bluesrock zu bezeichnen, was irgendwie in den 70er Jahren wurzelte oder durch Gitarreneffekte aufgepeppt wird. Dabei gehört so viel mehr dazu, ein Bluesmusiker zu sein, als nur seine sechs Saiten a la Rory Gallagher, Gary Moore oder Stevie Ray Vaughan spielen zu können. Blues zu spielen heißt vor allem: sich persönlich angreifbar zu machen in seiner Musik, seine Schmerzen ebenso wie seine Freude in aller quälenden Offenheit dem Publikum fühlbar zu machen. Und das ist mit dem Machogehabe eines Rockstars niemals vereinbar.

Pohlmann ist beileibe kein Einzelfall. Nehmen wir nur mal die deutsche Szene: Bands wie 3 Dayz Whizkey oder Kneeless Moose haben in den letzten Jahren ihre Blueswurzeln immer weiter hinter sich gelassen. Auf „Night Train To Budapest“ hatte sich Henrik Freischlader auch quasi neu erfunden als fantastischer Rock-Songschreiber. Und letztlich macht ja auch Joe Bonamassa nur ab und zu mal eine Pause beim Blues, bevor er wieder zum hart rockenden Gitarren-Hero mutiert. Blues ist unbequem, er fordert einen persönlich bis an die Grenzen – und er bringt meist auch nicht das nötige Geld ein, um davon leben zu können.

In einer ganz anderen Ecke des Feldes zwischen Blues und Rock spielt sich das ab, was manche gerne als alt.blues bezeichnen: Bands wie „Black River Bluesman & Bad Mood Hudson“ aus Finnland oder GravelRoad aus Seattle vereinen die hypnotischen Grooves des Blues aus den Hügeln des nördlichen Mississippi mit den harten Riffattacken des klassischen Heavy Metal und Punk. Hier ist – grad bei den beiden genannten Bands – die persönliche Betroffenheit und Wut der Musiker körperlich spürbar. Doch die Musik ist halt weiter vom Blues entfernt als etwa in Stücken von Gary Moore aus den 90er Jahren. Und so werden sie von der „Bluespolizei“ nicht ernst genommen. Dabei ist sowas eigentlich wesentlich mehr Blues als eine Popschnulze wie „Still Got The Blues“. Aber leider – und das macht das Hören dieser Bands für ältere Ohren nicht ganz einfach – fehlt hier die musikalische Vielfalt. Rhythmen und Riffs ähneln sich auf Dauer gewaltig. Und das ermüdet einen recht schnell.

Ebenso wenig wie beim traditionellen Bluesrock liegt hier für mich die Zukunft des Blues. Wo ich die sehe? Nicht in einem eindeutigen Stil. Und ich erkenne im Moment auch niemanden, der den Blues jenseits von Eric Clapton mal wieder auch in die Single-Hitparaden bringen könnte. Für mich liegt die Zukunft des Blues in ganz verschiedenen Ecken. Nämlich dort, wo sich Musiker ob vom akustischen Folk oder dem klassischen Soul, vom Blues der Nachkriegsjahre oder dem Funk der frühen 70er dazu anregen lassen, ihre ganz persönlichen Geschichten zum Mittelpunkt der Musik zu machen.
 

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