Johnny Winter. Ein Nachruf

Am 17. Juli machte morgens eine Nachricht wie ein Lauffeuer die Runde: Johnny Winter sei in Zürich auf Tour verstorben. Es dauerte noch eine Weile bis diese traurige Nachricht bestätigt werden konnte, am frühen Nachmittag war es dann soweit, das Gerücht – wenngleich die Ursache bisher noch ungeklärt ist – war serious as a heartattack.
 

Von Thilo Hornschild

Auf Facebook meldeten sich allerhand Musiker zu Wort, von Buddy Guy über ZZ Top, die Allman Brothers bis Jimmie Vaughan: alle Großen hatten nur die wärmsten Worte für die Kunstfertigkeit Winters übrig. Greg Koch schrieb treffend, ob man denn nun wollte oder nicht, man ist als Blues-orientierter Gitarrist heutzutage unweigerlich von Johnny Winter beeinflusst.

In der Deutschen Medienlandschaft sah es natürlich ein wenig anders aus… Spiegel Online intonierte zum Beipiel etwas in Richtung „Woodstock Rocker tot“. Zu lustig wenn man bedenkt wie wichtig es ihm 1969 war nicht mit dem Event in Verbindung gebracht zu werden und bitte nicht in dem Film zu erscheinen. Es könne schließlich seiner Reputation schaden. Dabei hätte man in Deutschland immer den Aufhänger das Essener Rockpalast Konzert von 1979 heranzuziehen das ihn unwiderruflich auf der europäischen Landkarte etablierte und seiner Musik frischen Aufwind gab.

Meine persönlich Begegnung mit Johnny Winter hatte ich als Teenager in den mittleren bis späten 90er Jahren mit „Hey, Where‘s Your Brother?“. Die Pointblank-Alben gelten zwar – warum auch immer – als Karriereknick in Winters Vita, ich fand diese Platte allein schon des Openers immer grandios. Mit dem Refrain von Watsons „Johnny Guitar“ ist witzigerweise lediglich ein Aspekt des Superman Lovers erzählt, aber widerum beinahe die gesamte professionelle Laufbahn Winters zusammengefasst:
they call me Johnny Guitar, I‘ve come to play in your town.

Schließlich war Winter nie ein besonders hervorstechender Lyriker oder feinsinniger Beobachter des Zeitgeists, nur bedingt Entertainer, und mit Verlaub kein Model. Nein, die Textzeile oben ist ziemlich genau sein Geschäftsmodell gewesen: you want to eat, move your feet… eben ein bluesman durch und durch.

Sein Tourplan war wirklich beeindruckend und hat mit den bei ihm einhergehenden Begleiterschungen sicher den verhältnismäßig frühen Tod begünstigt. Seit er 15 Jahre alt war rauchte er Kette, noch bevor er 30 wurde er wie so viele amerikanische Musiker seiner Generation heroinabhängig, eine Abhängigkeit die weit in sein siebtes Lebensjahrzehnt hineinreichte.

Aber das mit dem Karriereknick kann durchaus sein, folgten die oben erwähnten Pointblank-Alben den phänomenalen Bluesplatten auf Bruce Iglauers Alligator Records: „Guitar Slinger“ und „3rd Degree“. Es gab das Budget für die richtigen Begleitmusiker, wobei ich an der Stelle niemanden diskreditieren möchte, und Johnny Winter erhält die Gelegenheit sein immens tiefes Wissen voll auszuspielen. Denn in seinem Spiel fehlte jede Pragmatik, beziehungsweise so trocken er als Mensch gelegentlich daher kam, so on fire war sein Spiel. Die Alligator-Alben, besonders in Verbindung mit seinem mit Abstand erfolgreichsten Jahrzehnt, den 70er Jahren, sicherten ihm 1988 die Aufnahme in die Blues Foundation Hall of Fame.

Fortan zog der Illustrated Man weiter seinen rigiden Tourplan durch, beziehungsweise wurde durchgezogen. Ein mehr als windiger Manager namens Teddy Slatus sorgte nämlich dafür dass Winter stets im Opiatnebel und on the road bleibt. Alles steuerte auf ein sehr viel früheres Ableben Winters zu…

Enter Paul Nelson. Als neuer Manager, Produzent und Bandmitglied half er Johnny Winter das mit dem Iodine im Kaffee mal sein zu lassen, schickte ihn durch ein Methadonprogramm, sorgte dafür dass Gibson Guitars ihn mal bitte endlich mit einer Signature Firebird würdigt, dass Sony Legacy das brilliante Album „Roots“ veröffentlichte und später das große karriereumfassende Boxset. Achja, besagter Teddy Slatus trank sich selbst relativ fix zu Grabe…

Paul Nelsons immenser Einfluß auf Johnny Winters späte Karriere und wichtiger noch, sein Leben, zeigte doch so manche Parallele zu Winters Einfluß auf Muddy Waters in den Siebzigern.

Als maßgeblicher Gitarrist seiner Touringband ist er auch als Produzent für die immensen Blues Sky/Sony Alben verantwortlich und schaffte es den milden oder müden McKinley Morganfield wieder hart zu machen. Zu diesen Platten ist nicht viel zu sagen, sie sind perfekt. Und so schaffte es das Team Nelson/Winter wieder an den Start zu kommen. Die Stimme wurde wieder besser, die Gitarre war wieder sehr sehr dangerous. Johnny Winter war wieder auf dem Weg dahin ganz der Alte zu werden. Im sitzen zwar, aber wer will seinen Weg nochmal gehen? Früher in diesem Jahr wurde in New York eine große Geburtstagsfeier abgerissen, Gäste wie Popa Chubby und Mike Zito ließen sich nicht lange bitten.

Oben schrieb ich daß er wohl gelegentlich trocken im Umgang sein konnte. Dazu fällt mir noch eine Anekdote ein die ihr vielleicht nicht gesehen habt. Nach einem Konzert kommt ein europäischer Gitarrenbauer in den Bus und möchte Herrn Winter eine maßgeschneiderte Ergänzung zu seinen Erlewine Lazers, Firebirds, Les Pauls, Gs, Flying Vs, Epiphone Wilshires, ganz zum Schluß Deans, und bestimmt noch mehr Firebirds schenken. Ausgepackt wird eine ungefähr Les Paul förmige E-Gitarre mit Resonator die sofort kommentiert wird:

„Who would put a resonator on an electric guitar, doesn‘t make much sense…“

Eh der Fan verprellt sein kann, eilt Nelson dazu, bedankt sich höflich und verschenkt signierte Poster und Plektren… ich bin sicher besagte Gitarre wurde nie wieder angerührt.

So treu er dem Blues blieb, selbst auf „Johnny Winter And…“, so erstaunlich ist dass er doch eher als Rocker wahrgenommen wird. Viele jüngere Leute nähern sich Winters 70er Jahre Phase aus der Hardrock- und Metalperspektive. Ich halte ihn für einen archteypischen Bluesgitarristen dessen erste Aufnahme „School Day Blues“ aus dem Jahre 1960 heute eigentlich ein Klassiker im Set eines jeden Rockabilly-DJs sein sollte.

Ja, hatte er denn den großen Song der ihn in die kollektive Erinnerung von Millionen Musikliebhabern hievte? Ehrlich gesagt nein. Sicher ist „Please Come Home For Christmas“ großartig für die einen, alleine schon weil es ein verhältnismäßig spätes Duett mit Edgar ist. Die Rockpalast Fraktion feiert eventuell „Suzy Q“ ab. Ich persönlich schau mir oft die Session mit Dr. John an, wie die sich gegenseitig subtil antriggern, machmal auch zu foppen versuchen, ist genial. Aber Winter auf einzelne Songs zu reduzieren funktioniert einfach nicht. Man könnte aber zum Beispiel „Captured Live“, das halbe Livealbum von 1976 auflegen und a-hauf-dre-hen.
 

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